Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen?

Meine persönliche Entwicklung, Erfahrung
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Delphia
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Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen?

Beitrag von Delphia » 17.04.2009 07:57

Hallo zusammen

Es würde mich interessieren, wie Ihr das Leben so erlebt habt damals. Wie war die Konstellation?

Was habt Ihr daraus gelernt? Können wir hier im Forum auch davon profitieren?

Vielen Dank!
Delphia
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Nin
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Beitrag von Nin » 17.04.2009 16:04

In einer Patchworkfamilie aufgewachsen ist zuviel gesagt.

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich bereits erwachsen war (Ende 20) und nicht mehr bei ihnen lebt. Mein Vater hat wieder geheiratet, als ich 34 war.

Was ich daraus leren, ist, dass ich mich auf keinen Fall so wie meine Stiefmutter verhalten will. Sie hat alles geerbt. Wenn wir jemals heiraten, möchte ich die Rechte aller Kinder in einem Ehevertrag festlegen.

Und selbst so, als alle erwachsen waren, habe ich erlebt, dass es schwierig ist. Wenn mein Vater jetzt noch leben würde, wäre es schwierig zu wissen, wen ich zum Beispiel nächstes Jahr im Januar zu meinem 40. Geburtstag einladen könnte.
Nicht Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein.

Anita

Beitrag von Anita » 17.04.2009 20:06

meine eltern haben sich getrennt, da war ich in der ersten oberstufe.
meine mutter hat wieder geheiratet - einen mann, mit zwei kindern. ich hatte damals also stiefgeschwister. wir haben aber nicht zusammen gewohnt - nur mal gemeinsam ferien verbracht.
gelebt habe ich aber beim papi und er hatte keine freundin mehr.

buscalavida
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Re: Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen

Beitrag von buscalavida » 25.02.2015 19:25

besser spät als nie....

Eine etwas späte Antwort meinerseits, aber ich denke das Thema kann noch immer aktuell sein.

Ich bin ab 5 jährig in verschiedenen Patchworkfamilien aufgewachsen. Vaterseits immer wieder neue Konstellationen und Mutterseits eine Patchworkfamilie welche heute noch bestand hat, jedoch über sehr lange Zeit nicht optimal funktioniert hatte.

Gerne versuche ich euch hier die Sicht auf Situationen wie ich sie damals erlebt habe näher zu bringen.

Liebe Grüsse

Babell
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Re: Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen

Beitrag von Babell » 26.02.2015 15:33

Hallo Buscalavida

Das wäre super! Magst du etwas schreiben?
Bin gespannt drauf!

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Re: Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen

Beitrag von buscalavida » 27.02.2015 19:38

Hallo Babell

Puh, so aus dem Stegreif gar nicht so einfach... Wo soll ich anfangen? Ich denke ich schreib dir mal wie die Konstellation bei uns aussah und was mir spontan einfällt.
Wenn du (oder auch andere) konkret etwas wissen willst, darfst ungeniert fragen. Für mich sind auch die dazumal unschöneren Situationen heute ok, auch diese haben mich und unsere Familie zu dem gemacht was wir heute sind. Ansonsten werde ich mich einfach bei entsprechenden Themen hier im Forum einbringen.

Bei der Scheidung meiner Eltern war ich 5 Jahre alt, ein Jahr später lernte meine Mutter dann auch ihren neuen Partner (mit Sohn in meinem Alter) kennen.
Was ich im Nachhinein sehr geschickt von ihr finde, ist die Tatsache, dass sie mich, ihn mit ihr zusammen Kennenlernen gelassen hat. Mir wurde nie aus heiterem Himmel erzählt welche Rolle er in unserem Leben spielen soll.

Wir trafen uns anfangs an Dorffeiern, gingen dann mal zu viert Picknicken, Schwimmen oder sonst was, er kam mal mit Sohn, mal ohne bei uns zu Besuch. Manchmal traf sich meine Mutter auch Abends mit ihm, das war dann für mich wie wenn sie mit Freundinnen unterwegs war. Sie sagte mir zwar mit wem sie weggeht, aber für mich war wichtiger dass ich bei Oma übernachten durfte. Über diese ganze Zeit konnte ich mich langsam an ihn gewöhnen und ihn kennen lernen, auch ich freute mich wenn wir mit ihm, noch besser mit Sohn etwas unternahmen. Irgendwann wars dann einfach so, dass die beiden dazugehörten. Ich denke die Tatsache, dass sich alle Betroffenen als Menschen und ohne Druck kennen und lieben lernen konnten, legte einen guten Grundstein für unsere Beziehung zueinander, welcher es uns heute auch nach schwierigeren Zeiten ermöglicht, wieder als Familie zusammenleben zu können.
Die beiden waren auch nach dem Zusammenziehen sehr bemüht ein harmonisches Umfeld zu schaffen, was ihnen auch wirklich gelungen ist. Die Situation in der Patchworkfamilie selbst hab ich wirklich als sehr positiv empfunden.
Was später zu Streitereien und Problemen geführt hat war der Umgang mit dem Leben von beiden Kinder bei den jeweilig anderen Elternteilen. Ich schreibe jetzt hier mal für mich, ich weiss aber, dass mein Stiefbruder mit dem selben Problemen zu kämpfen hatte und das heute auch so sieht wie ich.
Die Wochenenden und Ferien, welche ich bei meinem Vater verbracht habe, wurden nie thematisiert. es war eine Art ein Leben auf einem anderen Planeten. Ich fühlte mich manchmal wie einfach über eine gewisse Zeit aus der Familie verbannt. Ich verschwinde bin weg, komme zurück und bin wieder da. Was ich in der Zwischenzeit jedoch erlebt habe, war wie ausradiert. Nach Ferienlager oder Besuchen bei den Grosseltern wurde nachgefragt und erzählt. Hier nicht, die Zeit wurde wie aus dem Kalender gestrichen. Das selbe zähl auch für Probleme welche ich bei meinem Vater hatte, darum kümmerte sich niemand so richtig und ich fühlte mich alleine gelassen. Klar meine Mutter war geschieden und das Kapitel mit meinem Vater für sie abgeschlossen, doch ich hatte auch noch ein Leben dort. Das selbe war bei meinem Bruder, wenn er bei seiner Mutter war, ich wusste auch er hat da Probleme, da diese aber ebenfalls tabuisiert wurden. War es für mich ein grosses Rätsel was da wohl bei ihm ist. Ich wollte ihm helfen, für ihn da sein, konnte aber nicht, da ich keine Ahnung hatte was Sache ist. Genau gleich ging es ihm, wie ich heute weiss, bei mir. Ich denke meine Mutter und sein Vater haben diesen Einfluss auf unser Leben und unsere Entwicklung schlichtweg unterschätzt.

Dies führte dann bei allen von uns über die Dauer zu starken persönlichen Problemen, ich zog mit 17 zuhause aus und packte dann auf komische art und Weise doch noch die Kurve, jedoch ohne jeglichen Kontakt zu meiner Familie (ausser dem Stiefbruder). Mein Stiefbruder blieb länger, verlor dann aber später den Boden unter den Füssen und hatte über Jahre mit Drogenproblemen zu kämpfen. Diese Entwicklung führte dann zu schwer verwickelten Vorwürfen unter allen Vieren.

Heute, 15 Jahre später darf ich sagen, wir haben uns alle wieder gefunden, haben wieder einen tollen Umgang miteinander und ich bin glücklich zu dieser Patchworkfamilie zu gehören! Wie wir das geschafft haben? Es war nicht einfach, es gehörten von allen Seiten viel Geduld, Verständnis und Tränen dazu. Wir hatten die letzten beiden Jahre viele sehr offene ehrliche Gespräche über all das was früher nicht ausgesprochen wurde. Dies war teilweise sehr schmerzhaft, aber auch hilfreich. Heute sehe ich viele Situationen in einem anderen Licht und kann daher damit umgehen.

Soviel dazu was mir gerade so in den Sinn kommt. Ich denke hätten wir diese offenen und ehrlichen Gespräche schon früher geführt, wäre es für keinen der Beteiligten so schmerzhaft geworden. Deswegen finde ich es sehr wichtig in Patchworkfamilien, dass alle beteiligten offen zeigen oder mitteilen was das Verhalten der Anderen bei ihnen auslöst. Es ist schwierig so verschiedene Leben unter eine Decke zu bringen, doch nur wenn man die Hintergründe des Anderen versteht kennt, kann man sein Handeln verstehen und richtig einschätzen.

Ich hoffe ich habe dir damit einen kleinen einblick geben können, wie bereits erwähnt, wenn Fragen da sind, beantworte ich diese gerne.

Liebe Grüsse

Buscalavida

Babell
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Re: Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen

Beitrag von Babell » 02.03.2015 18:45

Hallo Buscalavida

Danke für das Erzählen deiner Geschichte.

Ich finde es besonders aufschlussreich, zu lesen, dass es für dich schwierig war, wenn du die Besuchswochenenden für dich (geheim) behalten musstest. Für Väter (und Mütter) ist es nämlich auch nicht einfach, wenn sie merken, dass sie in der Kernfamilie einfach "ausradiert" werden. Das merkt man nämlich schon, aber Väter oder Mütter, die das erleben, wissen ja nicht, ob es die Kinder sind, welche sie ablehnen oder ob es von den Erwachsenen her kommt. Warum sagt ein Kind dem neuen Partner der Mutter "Papa"? Dazu gibt es sicher tausend verschiedene Möglichkeiten von sehr freiwillig bis zu unbewusst oder bewusst erzwungen.

Ich muss leider gleich weg.

buscalavida
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Re: Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen

Beitrag von buscalavida » 03.03.2015 19:21

Hallo Babell

Ich persönlich habe meinen Stiefvater immer beim Vornamen angesprochen und ihn nie als "Papa" bezeichnet.

Wenn wir aber mit unser Patchworkfamilie auf dem Sportplatz oder sonst in der Öffentlichkeit waren und die Leute fragten mich nach meinem Papa (mir war klar das sie mein Stiefvater meinen) erfüllte mich das immer mit Stolz. Dies war jedoch nicht gegen meinen richtigen Vater gemeint, viel mehr empfand ich es als sehr schön, dass wir da wo wir zu viert auftreten als "normale Familie" wahrgenommen wurden. Ich glaube jedes Scheidungskind seht sich irgendwie einfach nach dem normalen Familienbild, werden doch Scheidungskinder oft als solche bezeichnet und damit irgendwie anders hingestellt als Kinder mit herkömmlich verheirateten Elternteile.

Wenn ich jedoch von "meinen Eltern" erzählt habe, oder dies heute noch tue, meine ich damit klar meine Mutter und ihr Mann. Ich denke das kommt daher, dass ich mein Vater wohl als Vater akzeptiere aber Eltern sind für mich die beiden Menschen, welche sich quasi als Team um mich gekümmert haben und auch als Team vor mir aufgetreten sind. Diese beiden haben dafür gesorgt das die Hausaufgaben gemacht, ich zur Zeit im Bett und der Kühlschrank gefüllt ist. Sie waren sich auch einig um welche Zeit meine Ausgehzeit beendet ist und welche Strafe mich erwartet wenn ich mich nicht daran halten sollte.
Meine Mutter und mein Vater hatten sich ohne Ende zerstritten und ausser Hass und Gerichtsverhandlungen nichts mehr für den anderen übrig. In dieser Konstellation konnte ich sie unmöglich als ein solche Team sehen.

Bei Freunden hab ich erlebt, dass sie den Partner der Mutter tatsächlich auch Papa nannten. Oft waren es Kinder, welche ihre richtigen Väter nicht kannten oder keinen Kontakt mehr hatten. Zum Teil waren es aber auch Kinder welche einfach beide als Papa angenommen habe " am Wochenende bin ich bei meinem richtigen Papa, das ist mein anderer Papa". Ich glaube sie sahen das so ähnlich wie es normal ist zwei Grossmütter/väter zu haben.

Tja und dann gibts sicherlich noch solche, welche dazu gezwungen werden, da kenne ich persönlich jetzt niemanden, kann mir aber nicht vorstellen, dass das für irgendjemand aller Beteiligten irgendetwas längerfristig Positives mit sich ziehen wird.

Liebe Grüsse

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Re: Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen

Beitrag von Delphia » 10.03.2015 12:48

Hallo Buscalavida

Vielen Dank für Deinen Beitrag. Da bekomme ich einen anderen Blickwinkel... Aus der Sicht eines damaligen Kindes!

Mein Mann und ich haben alle unsere Kinder bei uns gehabt: er seine und ich meine. Alle Kids sind jeweils an zwei Wochenenden im Monat zu ihren leiblichen Mutter und Vater gegangen. Nach den Wochenenden durften sie erzählen, was sie gemacht hatten. Meistens aber kamen die einen (von meinem Mann) völlig aufgedreht zurück, sodass eine ziemliche Unruhe entstand. Bei meinen Kids war es anders, sie kamen teilweise völlig ruhig und teilweise "abwesend" zurück. Die einen erzählten, aber nicht alles (vor allem, was wir sowieso nicht gut fanden, das wussten sie schon) und die anderen waren völlig verschlossen.

Im Nachhinein weiss ich immer noch nicht, was wir hätten anders machen sollen... Wenn ich die Kids frage: Nichts, es war gut so. ;-)
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Re: Wer von Euch ist in einer Patchworkfamilien aufgewachsen

Beitrag von buscalavida » 10.03.2015 19:03

Hallo Delphia

Danke für deine Rückmeldung :)

Hört sich doch super an, damit habt ihr die Kids nicht unter Druck gesetzt, etwas erzählen zu müssen, aber ihnen die Möglichkeit dazu gegeben, wenn sie denn wollen.

Ich denke eure Kids meinen das gar nicht so falsch mit "nix, war alles gut." :applaus: :applaus:

Vermutlich gibt es jedoch auch keine Patentlösung, läuft doch jede Trennung anders ab und ich denke jedes Kind und jedes Elternteil geht anders mit der Situation um.

Liebe Grüsse
Buscalavida

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