Zum Thema Runterschlucken

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val
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Zum Thema Runterschlucken

Beitrag von val » 13.09.2014 12:27

Hallo zusammen

Babyone hat geschrieben:
Experimente haben aber gezeigt, dass es eher anders herum funktioniert. In einem Experiment hatte man zwei Gruppen von Probanden, die beide an einer Befragung teilnehmen sollten. Bei allen verhielt sich der "Befrager" bewusst unhöflich. Bei der einen Gruppe verließ der Befrager zwischendrin mal den Raum, der angebliche Vorgesetzte kam herein und fragte wie es so läuft und gab den Leuten damit die Gelegenheit sich zu beschweren. Bei der anderen Gruppe gab es diese Möglichkeit zur Beschwerde nicht. Anschließend wurden alle befragt wie gut oder schlecht sie sich fühlten, und außerdem waren bei allen auch körperliche Reaktionen wie Blutdruck und Stresshormone gemessen worden.

Das Ergebnis: diejenigen, die sich hatten beschweren können, fühlten sich subjektiv schlechter und hatten objektiv mehr Stresshormone, höheren Blutdruck etc. Außerdem bewerteten sie im Nachhinein das Verhalten des Befragers als schlimmer und unhöflicher als die andere Gruppe. Erklärung: diese Leute hatten sich gedanklich intensiver mit dem Fehlverhalten des Befragers beschäftigt , wodurch es für sie an Bedeutung gewonnen hat und sie sich mehr ärgerten. Außerdem mussten sie sich im Nachhinein vor sich selber rechtfertigen, denn immerhin hätte der Befrager ja Probleme im seinem Job bekommen können, und das nur wegen ein paar Unhöflichkeiten. Also rechtfertigten sie sich vermutlich unbewusst damit, dass der Befrager ja nicht nur ein wenig, sondern SEHR unhöflich und überhaupt völlig unmöglich gewesen war. Worüber sie sich dann noch mehr ärgerten.
Das finde ich total interessant und im ersten Moment hat es mich ziemlich überrascht.

Und dann hatte ich plötzlich eine ganz aktuelle Situation, in der ich dieses Muster gleich mal ausprobieren konnte.

Ich habe eine extrem schwierige Beziehung zu meiner Schwester, sie beleidigt mich alle paar Jahre aufs übelste, was mich immer total verletzt und auch aus der Bahn wirft.
Jetzt war es wieder soweit, am Morgen erwartete mich aus heiterem Himmel eine ellenlange SMS mit üblen und vernichtenden Vorwürfen an meine Person. Normalerweise hätte ich diese SMS tagelang mit mir rumgetetragen und sie immer wieder gelesen, mir 1000 Antworten überlegt und mit einem Freund oder meiner Mutter des langen und des breiten darüber gesprochen und wieder mal meine ganze Kindheit und unsere Familiengeschichte aufgerollt.

Diesmal kam mir aber obiges Experiment in den Sinn. Und versuchte es umzusetzen. Ich las die SMS genau zweimal durch und dann löschte ich sie. Ich sprach mit niemandem darüber.
Natürlich beschäftigte es mich, ziemlich sogar, ich fuhr auf dem Weg zur Arbeit ins falsche Parkhaus :oops: , aber das war auch schon alles.
Und jetzt, drei Tage später, ist diese Attacke nur noch ein dumpfer leichter Schmerz und nicht diese grosse Wut und Ohnmacht wie sonst.

Danke Babyone!

Val
Alleinerziehend mit Partner. Kinder 19/19 und 16
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carlotta37
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Re: Zum Thema Runterschlucken

Beitrag von carlotta37 » 14.09.2014 09:04

Kann mir gut vorstellen, dass da was dran ist!

Ich hatte letztes Jahr eine sehr belastende Situation im Job und war damals froh, mich jederzeit mit meiner Stellenpartnerin darüber austauschen zu können, die ähnlich darunter gelitten hat wie ich. Andererseits haben wir uns so auch sehr in diese Situation reingesteigert, man regte sich jedes mal sozusagen für zwei auf. Wenn es einer gerade einigermassen gut ging, gab es bestimmt bei der anderen gerade Grund zur Aufregung und weil beide emotional betroffen, war das dann auch für beide wieder ein Aufreger.
So sehr ich diese Stellenpartnerschaft geschätzt habe, bin ich fast erleichert, jetzt mit einer "neutraleren" Person zu arbeiten - wobei natürlich auch am neuen Job die Probleme nicht mehr da sind.

Andererseits kann es auch gut tun, sich mal alles "von der Seele" zu reden. Ich kann danach manchmal besser loslassen. Am besten funktioniert das allerdings bei Personen, die zwar Verständnis haben für das jeweilige Thema, aber nicht involviert sind. Dann ist es möglich, danach loszulassen, sonst steigern sich die negativen Gefühle eher.

So rede ich z.B. mit meinem Partner nicht gern über meinen Ex oder die Probleme meiner Tochter. Er macht das zu sehr zu seiner Sache, es regt ihn auf (verständlich!). Aber dann entsteht fast sowas wie ein gemeinsames Feinbild, das Thema wird beherrschend, auch in der Beziehung. Gerade bei Patchworkfamilien habe ich einige solcher Situationen gesehen, wo man sich fragt, ob die Beziehung eigentlich noch von etwas anderem zusammen gehalten wird als vom gemeinsamen Feinbild der oder die Ex.

Mich dann bei einer guten aber neutralen Freundin auszuheulen, einen Rat zu bekommen, den ich annehmen kann oder auch nicht, ist da viel besser. Dann kann ich das Thema danach abschliessen oder ruhen lassen. Ein Forum oder eine Brieffreundschaft ist auch manchmal geeignet dafür, gell? ;-)

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Re: Zum Thema Runterschlucken

Beitrag von BabyOne » 15.09.2014 19:03

val hat geschrieben:
Diesmal kam mir aber obiges Experiment in den Sinn. Und versuchte es umzusetzen. Ich las die SMS genau zweimal durch und dann löschte ich sie. Ich sprach mit niemandem darüber.
Natürlich beschäftigte es mich, ziemlich sogar, ich fuhr auf dem Weg zur Arbeit ins falsche Parkhaus :oops: , aber das war auch schon alles.
Und jetzt, drei Tage später, ist diese Attacke nur noch ein dumpfer leichter Schmerz und nicht diese grosse Wut und Ohnmacht wie sonst.

Danke Babyone!

Val
Ich hab gerade eine Gänsehaut bekommen beim Lesen. Vielen Dank, dass Du davon erzählt hast, das freut mich sehr!
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Re: Zum Thema Runterschlucken

Beitrag von PatchStift » 17.09.2014 16:03

So rede ich z.B. mit meinem Partner nicht gern über meinen Ex oder die Probleme meiner Tochter. Er macht das zu sehr zu seiner Sache, es regt ihn auf (verständlich!). Aber dann entsteht fast sowas wie ein gemeinsames Feinbild, das Thema wird beherrschend, auch in der Beziehung. Gerade bei Patchworkfamilien habe ich einige solcher Situationen gesehen, wo man sich fragt, ob die Beziehung eigentlich noch von etwas anderem zusammen gehalten wird als vom gemeinsamen Feinbild der oder die Ex.
Ich kan mich noch erinnern, als wir uns kennen lernten, bat ich meinen Partner, mich und damit unsere Beziehung, damit nicht zu belasten!
Sich an einen Freund zu wenden, wenn er reden muss... leider haben wir uns schon bald nicht mehr daran gehalten ....
Die neue Beziehung steht so nämlich wirklich immer irgendwie im Schatten der Alten, wenn sich das Leben weiterhin nur darum dreht! Und es stimmt auch, egal was Exen tun, wir bestimmen selbst, wie sehr das unser Leben tangieren darf oder nicht. Aber dazu brauchts halt def. zwei, die das nicht zulassen, ohne wenn und aber...
Und genau da, habe ich mich sehr oft verdammt allein gefühlt. Weil sich mein Partner, immer wieder nötigen lässt. Bei allem Verständnis für seine Lage, frage ich ich heute, hatte ich zuviel Verständnis und Geduld mit ihm? Derf. habe ich das Problem, zu sehr zu meinem gemacht! Aber damit ist ja jetzt def. Schluss! Versprchen, hier und heute, schwarz auf weiss...

Bitte erinnert mich dran, falls ich's wieder vergesse! :oops:

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Re: Zum Thema Runterschlucken

Beitrag von geraldine » 14.11.2016 11:37

Das ist ja ein interessantes Experiment. Ein bisschen überschneidet es sich auch mit meiner persönlichen Erfahrung. Manchmal redet man sich einfach in Rage und macht das ganze Problem noch größer und wichtiger, gesteht ihm damit also einen viel größeren Raum im eigenen Leben ein als man eigentlich sollte. Gleichzeitig sit das sogenannte "Runterschlucken" ja eigentlich auch keine Option. Ich finde, man sollte sich schon mit dem Problem beschäftigen, es vielleicht auch ein- zweimal ansprechen, allerdings nicht jedes Gespräch darum kreisen lassen. Ich habe eine gute Freundin, die mir ALLES erzählt. Teilweise auf eine Art und Weise, die ich als Übergriff wahrnheme und die mich sehr anstrengt. Bei ihr habe ich ebenfalls den Eindruck, dass sie sich ihre Probleme selbst erschafft, indem sie alle möglichen Dinge im Gespräch so groß und übermächtig werden lässt, anstatt sie einfach mal für einen Tag ruhen zu lassen.

Ich glaube, sinnvoll und gesund wäre für die meisten Menschen eine Mischung aus darüber reden und das Problem dann aber auch loslassen. So hat schleppt man es nicht mit sich rum, muss sich aber auch nicht ständig nur mit dieser einen Sache beschäftigen.

Aber PatchStift, das was du schreibst, klingt natürlich nicht so gut. Ich glaube in deinem Fall wäre es wichtig, dass du dich deinem Partner nicht nur zur Verfügung stellst, sondern ihm vielleicht auch im Gespräch sagst, wie es dir mit diesen ganzen Informationen geht und dass du zwar gerne für ihn da sein willst, aber auch einen gewissen Platz im Gespräch beanspruchen willst und darfst. Wenn ihr sonst eine gute Beziehung habt, wird er sicher gesprächsbereit sein, meinst du nicht?

Liebe Grüße,
Geri

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